Die Grasburg
Die Geschichte der Grasburg
Die wichtigste Burg des ganzen Sensegebietes ist unbestreitbar die Grasburg. Sie befindet sich nordwestlich von Schwarzenburg, in der Nähe des Weilers Steinhaus, auf einem auf drei Seiten steil abfallenden Felskopf.
Unter den zahlreichen einstigen Burgen und Befestigungen des Ländchens Schwarzenburg hatte die Grasburg weitaus die grösste Bedeutung. In ihren Anfängen mag auch sie bloss ein einfaches Kastell zur Sicherung des Flussübergangs oder ein gewöhnlicher Rittersitz gewesen sein. Früh aber wurde sie zur Reichsfeste erhoben und behauptete sich von da an auf mehrere Jahrhunderte als Beherrscherin des schönen Geländes zwischen Sense und Schwarzwasser — inklusive Albligen. Sie übertrug diesem Gebiet sogar ihren Namen und verdrängte eine ältere Landschaftsbezeichnung, nämlich das lateinische «Interaquas», was «Gebiet zwischen den Wassern» bedeutet.
Die Anfänge der Grasburg sind nur in einer Sage enthalten geblieben, welche besagt, dass:
«Ein vornehmer Römer aus Helikon (Elisried) auf der Jagd, als er einen schönen Edelhirsch in den Schluchten der Sense verfolgte, von seinem Gefolge abgetrennt wurde. Auf einmal erblickte er vor sich einen gewaltigen Sandfelsen, der damals im Bette der wilden Sense eine Insel bildete, und auf dem Felsen stehend den Edelhirsch. Schnell spornte er sein Pferd, durchritt den Flussarm und begann, einem Wechsel des Wildes folgend, den Felsen zu erklimmen. Plötzlich stürzte ein gewaltiger Lindwurm aus einer Höhle hervor ihm entgegen; aber mit kräftigem Arme stiess er dem Ungestüm den Jagdspeer in den Rachen und trennte darauf mit einem gewaltigen Hieb seines wuchtigen Schwertes den scheusslichen Kopf vom zuckenden Rumpfe. Hierauf erstieg er vollends die Felseninsel und sah zu seinem Erstaunen, wie der Hirsch ihm entgegenkam und flehend sich ihm zu Füssen legte. Der edle Ritter verstand den stummen Blick des Tieres und schenkte ihm das Leben. Als nun der Hirsch aufstand und den Jäger auf dem ganzen Felsen herumführte, nahm dies der Römer als Einladung an, von dem Platze Besitz zu ergreifen. Er baute im Einverständnis mit dem römischen Befehlshaber von Aventicum ein stattliches Schloss, das nachher nach dem Erbauer Crassusburg und später danach Grasburg geheissen wurde. Bald wölbte sich auch eine Brücke über die Sense, eine Römerstrasse führte von Aventicum her an der Burg vorbei, und einen kleine Besatzung hatte Strasse, Brücke und Kastell zu bewachen. Wie aber die Römer das Land verliessen, fiel auch die Crassusburg in Ruin und blieb verlassen, bis ein welscher Raubritter, seiner Grausamkeit halber aus seinem Heimatlande vertrieben, sich in diese Gegend flüchtete, um da ein neues Raubnest zu erbauen. Zuerst liess er, meldet die Sage weiter, die alte, verfallene Römerburg, nämlich den westlichen, grösseren Burgteil, durch fremde Baumeister und mit Hilfe einheimischer Handlanger und Arbeiter wieder herstellen. Dabei verfuhr er anfangs freundlich und mild, nachher aber roh und hart, besonders bei dem Neubau des vordern, östlichen Teiles. Die armen Landleute mussten die schweren Steine zu dem zweiten Gebäude auf ihren blutigen Schultern herbeitragen, und wer Miene machte, sich zu widersetzten, wurde stracks erschlagen und vermengte sein Blut mit dem Mörtel der Mauer, was den Mauern besondere Härte verlieh.» Burri 1911:52
Da dies nur eine Sage ist und kein historisches Dokument, kann man nicht sagen, ob die Grasburg so entstanden ist. Sicher ist, dass zu jener Zeit Römer in dieser Gegend waren, was die reichlichen Funde von Elisried und Rümlisberg beweisen. Das Problem ist nur, dass bei der Grasburg bis jetzt keine frühmittelalterliche, geschweige denn römische Spuren zum Vorschein gekommen sind, was wiederum die römische Errichtung der Grasburg anzweifelt. (Burri 1911:54)
Nun nach dieser Sage zur Geschichte, die sich auf Dokumente, wie zum Beispiel auf Jahresrechnungen, Lohnzahlungen, Rechnungsbücher und Materialverbräuche der Grasburg stützt.
Älteste Anfänge
Hervorgegangen ist die Grasburg in frühgermanischer Zeit wie viele andere aus einer Volksburg, Fliehburg oder einem Refugium als Zufluchtsort in Kriegszeiten. An der Sense gab es nebst der Grasburg noch andere Refugien, unter anderem Helfenstein, die Riedburg, Schönfels und Maggenberg. Alle sind auf einem Felskopf an der Sense gelegen, mit einem natürlichen oder künstlichen Graben gegen die allein zugängliche Landseite. Nebst der Grasburg und Maggenberg sind von den restlichen Festungen nur noch wenige Überreste vorhanden.
Ritterburgen
Zur Zeit des fränkischen Lehensstaates begann das Ritterwesen. Die Ritter liessen sich vom Kaiser mit Ländereien belehnen und bauten sich auf den alten erprobten Zufluchtsorten ihre kleine Burg, um es dem Hochadel, den Grafen und Herzögen nachzutun. Als Ritter von Grasburg werden genannt: 1223 Otto von Grasburg und 1228 Kuno von Grasburg. Sie waren Gefolgsmänner der Zähringer. 1224 werden sie auch erstmals urkundlich erwähnt.
Die Reichsfeste
Unter den Zähringern wurde die einstige kleine Ritterburg zur Reichsfeste erhoben und ausgebaut. Von hier aus wurde die Herrschaft Grasburg, das heutige Amt Schwarzenburg, verwaltet und regiert. Nach dem Aussterben der Zähringer kam die Herrschaft Grasburg zunächst an Kiburg und nach dem Erlöschen dieses Geschlechts an die Habsburger. Auf dem Schloss residierte ein Reichsvogt.
Die Savoyerzeit
Es war 1310, da verpfändete der Kaiser Heinrich der Siebte die Feste und Herrschaft Grasburg dem Herzog Amadeus von Savoyen. Aus der Savoyerzeit stammen die Jahresrechnungen des grasburgischen Kastellans im Staatsarchiv Turin, welche als Grundlagen für die Bücher von Fritz Burri dienen. Interessant ist auch zu wissen, dass allein im Jahr 1365 Bauholz von insgesamt 130 Wagen vor die Grasburg geführt und dort von 200 Trägern in die Burg geschleppt werden mussten, da den Wagen eine nähre Zufahrt nicht möglich war.
Die Herrschaft Grasburg als gemeine Herrschaft Berns und Freiburgs
Als sich die Herzöge von Savoyen immer mehr nach Süden orientierten, verlor die abgelegene Grasburg zunehmend an Bedeutung. 1423 verkaufte der Herzog Amadeus der Achte die Herrschaft der Grasburg für 6000 französische Goldtaler zu gleichen Teilen und Rechten an die Kantone Bern und Freiburg. Nun standen dem Schwarzenburgerland schwere Zeiten bevor, welche 375 Jahre dauern sollten: Die Doppelherrschaft der beiden Kantone Bern und Freiburg. Fünf Jahre regierte der heutige Nachbarkanton über Schwarzenburg, dann wieder fünf Jahre Bern, immer abwechselnd. Da weder der eine noch der andere Kanton dieses Ländchen unterstützen wollte, da dies sonst dem anderen von Nutzen hätte sein können, verarmte das schöne Schwarzenburgergebiet vollends. 1803 kam Schwarzenburg auf eigenes Begehren definitiv zum Kanton Bern. 1575 wurde die baufällige Burg verlassen und der Landvogt regierte von da an im bequemer erreichbaren Schwarzenburg, im Schloss. Ein Teil der Grasburg-Sandsteine wurde zum Bau des Schlosses gebraucht, glücklicherweise nicht alle, denn sonst wäre heute kaum mehr viel von der Grasburg zu sehen.
Renovationen
Im Jahre 1894 kam die Grasburg wieder in den Besitz der Stadt Bern, denn seit 1845 gehörte sie einem Privaten. Bern kaufte nebst der Grasburg auch noch das Schlössligut und dessen Quellrechte. Im Frühling 1902 drohte der vordere Turm der Grasburg einzustürzen. Wegen dieser dauernden Gefahr für Besucher wurde eine vier Jahre dauernde Teilerneuerung vorgenommen, welche 1928-1931 fortgesetzt wurde. Dem zunehmenden Verfall dieser markanten Burgruine wurde durch eine neuerliche Renovation in den Jahren 1983/84 Einhalt geboten. Damals wurde vor allem das überwucherte Mauerwerk gesäubert, die Mauerkronen durch Grasauflagen vor der weiteren Verwitterung geschützt. Das Gelände wurde zusätzlich mit Geländer und Absperrungen gesichert. Die Stadt Bern und die Gemeinde Wahlern übernahmen die Kosten.
